Tampons aus Algen | Das steckt hinter dem Tangpon von VYLD

Algen können Lebensmittel, Verpackungen, Textilien und Kosmetik liefern. Warum also nicht auch Tampons? Genau das hat das Berliner Start-up VYLD ausprobiert und aus Braunalgen eine Faser entwickelt, die den klassischen Saugkern eines Tampons ersetzt.

Das Ergebnis heißt in Deutschland Tangpon, international wird es als Kelpon vermarktet. Dahinter steckt mehr als eine ungewöhnliche Produktidee: Die Algenfaser ist saugfähig, biologisch abbaubar und inzwischen für ihre Mikrobiomfreundlichkeit zertifiziert. Im Juli 2026 stellte die EU die Innovation zudem als Beispiel für eine nachhaltigere Blue Economy vor.

Was ist der Tangpon von VYLD?

Was ist der Tangpon von VYLD?

Auf den ersten Blick sieht der Tangpon ziemlich unspektakulär aus. Und das ist durchaus positiv, denn schließlich soll hier kein Periodenprodukt neu erfunden werden, für das man erst eine Bedienungsanleitung braucht.

Der entscheidende Unterschied steckt im Inneren.

Statt eines herkömmlichen Fasersaugkerns verwendet VYLD eine aus Braunalgen gewonnene Faser. Der Rückholfaden besteht aus Bio-Baumwolle. Nach Angaben des Unternehmens stammen die Algen aus Norwegen, die Baumwolle aus den USA, produziert wird der fertige Tampon in Deutschland. Kunststoff und Duftstoffe kommen laut Hersteller nicht zum Einsatz.

Aktuell gibt es den Tangpon in der Größe Midi mit einem Saugvolumen von 9 bis 12 Gramm. Das entspricht ungefähr der bei klassischen Tampons üblichen Stärke „Normal“.

Übrigens ist der Algen-Tampon nicht braun oder grün, sondern weißlich. Für die Faser wird ein Extrakt aus den Braunalgen verwendet, in das die dunklen Farbpigmente nicht gelangen. Laut EU-Kommission ist deshalb keine chemische Bleiche notwendig.

Wie werden Tampons aus Algen hergestellt?

So wird der Algentampon hergestellt, einfache Erklärung

Hier wird es ein bisschen nerdiger. Braunalgen sind keine Pflanzen im botanischen Sinn, enthalten aber verschiedene natürliche Biopolymere, aus denen sich technische Materialien herstellen lassen. Beim Tangpon spielt vor allem Alginate eine wichtige Rolle.

VYLD hat ein Verfahren entwickelt, mit dem aus Meeresalgen ein Faserwerkstoff für absorbierende Hygieneprodukte hergestellt werden kann. Das dazugehörige Patent beschreibt Tampons, die zumindest teilweise aus Meeresalgenalginat bestehen.

Vereinfacht funktioniert das Prinzip so: Bestandteile der Braunalge werden extrahiert, aufbereitet und anschließend zu einer saugfähigen Faser verarbeitet. Daraus entsteht schließlich der Tamponkern.

Ein öffentlich zugänglicher Abschlussbericht des vom Bundesforschungsministerium (BMFTR) geförderten Projekts bestätigt, dass dabei unter anderem Rohstoffauswahl, Faserherstellung, Produktsicherheit, Umweltverträglichkeit und die Übertragung vom Labor- in den Pilotmaßstab untersucht wurden.

Das Interessante daran: Die Alge steckt nicht nur in einer Beschichtung oder Verpackung. Sie übernimmt im Produkt eine zentrale technische Funktion, nämlich Flüssigkeit aufzunehmen. Genau deshalb ist der Tangpon auch aus Bioökonomie-Sicht spannend.

Warum sind Meeresalgen als Rohstoff so interessant?

Warum sind Meeresalgen als Rohstoff für Tampons und andere Frauen-Hygieneprodukte so interessant?

Kelp und andere Makroalgen können vergleichsweise schnell wachsen und brauchen dabei weder Ackerflächen noch Bewässerung mit Süßwasser. Für ihre Kultivierung im Meer sind außerdem keine klassischen landwirtschaftlichen Pflanzenschutzmittel oder Mineraldünger notwendig.

Damit entfällt ein Problem, das bei manchen biobasierten Rohstoffen entsteht: Die Algen konkurrieren nicht direkt mit dem Anbau von Lebensmitteln um fruchtbare Ackerfläche.

Während ihres Wachstums nehmen sie zudem Kohlendioxid und Nährstoffe wie Stickstoff aus ihrer Umgebung auf. Gut geplante Algenkulturen können deshalb interessante zusätzliche Funktionen in marinen Ökosystemen erfüllen.

Die EU betrachtet die Nutzung von Algen entsprechend als einen sinnvollen Bereich der europäischen Blue Economy. Beim Tangpon kommen damit Bioökonomie und Meereswirtschaft ziemlich direkt zusammen.

Natürlich ist deshalb nicht automatisch jedes Produkt aus Algen nachhaltig. Anbaumethode, Standort, Verarbeitung, Energieverbrauch und Transport bleiben relevant. Als Rohstoffplattform haben Meeresalgen aber einige bemerkenswerte Voraussetzungen.

Wie nachhaltig sind Tampons aus Algen wirklich?

Wie nachhaltig sind Tampons aus Algen wirklich?

Einer der größten Unterschiede liegt beim Rohstoff selbst. Während Baumwolle landwirtschaftliche Fläche benötigt und je nach Anbaugebiet bewässert werden muss, wachsen die für den Tangpon eingesetzten Meeresalgen im Meer.

VYLD gibt an, dass ein Tangpon gegenüber einem Baumwolltampon bis zu 30 Liter Trinkwasser einsparen kann. Nach Angaben des Unternehmens wurde der zugrunde gelegte sogenannte Ocean Impact extern auditiert und zertifiziert.

Die Zahl sollte trotzdem nicht mit einer vollständigen vergleichenden Ökobilanz sämtlicher Tamponarten verwechselt werden. Dafür müssten unter anderem Rohstoffgewinnung, Verarbeitung, Energieeinsatz, Transport und Entsorgung über den gesamten Lebensweg vergleichbar untersucht werden.

Der grundsätzliche Vorteil des Rohstoffs bleibt dennoch interessant: Für die Meeresalge muss kein Acker bewässert werden.

Auch am Lebensende unterscheidet sich das Material. Der Tangpon wird sowohl von VYLD als auch von der EU als vollständig biologisch abbaubar beschrieben. Kunststoff soll im eigentlichen Tampon nicht enthalten sein. In den Biomüll gehört ein benutzter Tangpon trotzdem nicht. Wie andere gebrauchte Tampons wird er in Deutschland über den Restmüll entsorgt und natürlich niemals über die Toilette.

Andere nachhaltige Periodenprodukte werden durch die Innovation übrigens keineswegs überflüssig. Menstruationstassen, wiederverwendbare Periodenunterwäsche, Bio-Baumwolltampons und andere Lösungen haben jeweils ihre eigenen Vorteile.

Der Tangpon verfolgt einen anderen Ansatz: Er versucht, das vertraute Einwegprodukt Tampon selbst materialseitig weiterzuentwickeln.

Ist der Tangpon sicher + mikrobiomfreundlich?

Gerade bei einem Produkt, das mehrere Stunden direkten Kontakt mit Schleimhäuten hat, reicht „nachhaltig“ als Argument verständlicherweise nicht aus. Deshalb wurde der Tangpon auch hinsichtlich seines Einflusses auf das vaginale Mikrobiom untersucht.

Das ist bisher bekannt:

  • Mikrobiom-Test | MyMicrobiome testete den Tangpon nach dem Standard 41.10 für das Vaginalmikrobiom.
  • Zertifizierung | Das Zertifikat stammt vom August 2024 und wird aktuell als gültig geführt.
  • Bewertung | Im veröffentlichten Testbericht erhielt der Tangpon die Gesamtnote 1,4 und die Einstufung „Microbiome-friendly“.
  • Was dabei geprüft wird | Untersucht wird, wie das Produkt charakteristische Mikroorganismen des vaginalen Mikrobioms beeinflusst.
  • Keine medizinische Wirkung | Aus der Zertifizierung lässt sich nicht ableiten, dass der Tangpon Infektionen verhindert oder Beschwerden behandelt.

Auch für Algen-Tampons gelten die üblichen Sicherheitsregeln bei der Verwendung von Tampons:

  • Hände vor dem Einführen waschen
  • eine zum Blutungsvolumen passende Saugstärke wählen
  • den Tampon regelmäßig wechseln
  • einen Tampon nicht länger als acht Stunden tragen

Auch das seltene, aber ernst zu nehmende Toxic-Shock-Syndrom (TSS) ist durch den anderen Faserrohstoff nicht grundsätzlich ausgeschlossen.

Tangpon kaufen | Wo gibt es die Algen-Tampons?

Wo kann man die Algen-Tampons kaufen?

Ganz selbstverständlich zwischen Shampoo und Zahnpasta im nächsten Drogeriemarkt stehen die Tangpons bislang noch nicht. Online lassen sie sich aber bereits an mehreren Stellen finden.

Direkt bei VYLD

Im offiziellen VYLD-Onlineshop wird eine Packung mit 16 Midi-Tangpons für 14,99 Euro geführt. Zum Zeitpunkt unserer Recherche im August 2026 ist die Packung dort allerdings mit „demnächst verfügbar“ gekennzeichnet. VYLD liefert grundsätzlich nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz.

Bei La Blutique

Der auf Periodenprodukte spezialisierte Onlineshop führt aktuell ein 10er-Set VYLD Tangpons und bietet damit eine kleinere Packungsgröße zum Ausprobieren an.

Bei Periodically

Dort gibt es die Algen-Tampons derzeit auch in größeren Einheiten mit 50 oder 100 Stück. Das ist besonders interessant für Büros, Studios, Praxen oder andere Orte, an denen Periodenprodukte kostenlos bereitgestellt werden sollen.


Auch VYLD selbst bietet spezielle Lösungen für Unternehmen, Veranstaltungen und Organisationen an, unter anderem mit passenden Spendern für Waschräume.

Bei den Drogerieketten Rossmann, dm, Müller und budni sind die Algentampons bisher nicht zu kaufen.

Was kosten die VYLD Tampons?

Mit einem regulären Preis von 14,99 Euro für 16 Stück im VYLD-Shop ist der Tangpon derzeit deutlich teurer als klassische Tampons aus Drogerie oder Supermarkt.

Das überrascht bei einer jungen Materialinnovation allerdings nicht. Die Algenfaser wurde eigens entwickelt, die Stückzahlen sind noch vergleichsweise klein und die Endfertigung findet in Deutschland statt.

VYLD selbst verweist ebenfalls auf die derzeit geringen Produktionsmengen als wesentlichen Kostenfaktor. Sollten die Stückzahlen steigen, könnten sich die Herstellungskosten künftig verändern. Ob der Tangpon irgendwann preislich in die Nähe klassischer Tampons kommt, lässt sich derzeit allerdings nicht seriös vorhersagen.

Vom Tangpon zur Algen-Binde | Was VYLD noch plant

Vom Tangpon zur Algen-Binde | Was VYLD noch plant

Besonders interessant wird die Technologie, wenn man ein bisschen über den Tampon hinausdenkt. Saugfähige Materialien werden schließlich nicht nur für Tampons gebraucht, sondern auch für Binden, Slipeinlagen, Windeln und Inkontinenzprodukte.

VYLD arbeitet bereits an weiteren Anwendungen. 2025 wurde beispielsweise eine Binde mit Meeresalgen in einem Berliner Pilotprojekt erprobt. Auch Windelmaterialien gehören zur Entwicklungsarbeit des Unternehmens. Die EU nennt Binden und Windeln ausdrücklich als weitere geplante Einsatzgebiete.

Der Tangpon ist damit mehr als nur ein ziemlich ungewöhnliches Periodenprodukt. Er zeigt, dass sich marine Biomasse zu einem funktionalen Werkstoff verarbeiten lässt, der eine anspruchsvolle Aufgabe übernehmen kann.

Und genau das macht die Entwicklung so spannend: Female Health, Materialforschung, Meeresbiologie und Bioökonomie treffen hier auf ein Produkt, das seit Jahrzehnten im Alltag von Millionen Menschen genutzt wird.

Tampons aus Algen müssen nicht die eine perfekte Lösung für jede Periode sein. Aber der Tangpon erweitert die Auswahl um eine technisch erstaunlich neue Variante und zeigt ganz nebenbei, wie viel Innovationspotenzial noch in einem Rohstoff steckt, der irgendwo zwischen Meeresoberfläche und Küstenlinie leicht übersehen werden kann.


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