Protein herstellen, ohne Kühe zu halten, Soja anzubauen oder überhaupt einen Acker zu bestellen? Was futuristisch klingt, ist in Finnland bereits Realität.
Das Foodtech-Unternehmen Solar Foods stellt mit Solein ein mikrobielles Protein her, dessen Produktion vor allem CO₂, Wasserstoff, Sauerstoff, Strom und Mineralstoffe benötigt.
2026 hat die Firma außerdem über 100 Mio. Euro für die nächste Skalierungsphase mobilisiert.
Mindestens genauso spannend wie die Finanzierung ist jedoch die beeindruckende Technologie dahinter. Denn Solein zeigt, dass man Eiweiß künftig auch weitgehend unabhängig von Ackerflächen, Ernten und Nutztieren produzieren kann.
Protein aus Luft? Ganz so einfach ist es nicht.
„Protein aus Luft“ ist eine ziemlich griffige Beschreibung, chemisch allerdings etwas verkürzt. Die Mikroorganismen leben natürlich nicht einfach von Luft.
Im Zentrum des Verfahrens steht Xanthobacter sp. SoF1, ein natürlich vorkommendes und nicht gentechnisch verändertes Bakterium. Es gehört zu den wasserstoffoxidierenden Bakterien und kann Wasserstoff als Energiequelle nutzen, während CO₂ den Kohlenstoff für den Aufbau neuer Zellmasse liefert. Das Endprodukt besteht aus getrockneter und inaktivierter mikrobieller Biomasse.
Der Prozess ist eine Form der Gasfermentation. Vereinfacht funktioniert er so:
- CO₂ liefert Kohlenstoff, aus dem die Mikroorganismen neue Biomasse aufbauen.
- Wasserstoff liefert Energie und wird mithilfe von Strom durch Elektrolyse erzeugt.
- Sauerstoff unterstützt den Stoffwechsel der Bakterien.
- Mineralstoffe und weitere Nährstoffe werden in kleinen Mengen zugesetzt.
- Die Mikroben vermehren sich im Fermenter, die entstehende Biomasse wird kontinuierlich entnommen und schließlich getrocknet.
Übrig bleibt ein fein gemahlenes, gelbliches Pulver namens Solein. Solar Foods vergleicht das Prinzip mit dem Brauen oder der Weinherstellung. Der entscheidende Unterschied: Statt Zucker als Kohlenstoff- und Energiequelle dienen hier hauptsächlich CO₂ und Wasserstoff.
Damit unterscheidet sich Solein auch von der derzeit viel diskutierten Präzisionsfermentation. Dabei werden Mikroorganismen beispielsweise so genutzt, dass sie gezielt Molkenprotein, Casein oder bestimmte Fette produzieren. Bei Solein ist dagegen die mikrobielle Biomasse selbst das Lebensmittel.
Woraus besteht Solein genau?
Nach Angaben von Solar Foods besteht Solein ungefähr aus:
→ 65 bis 70 % Protein · 10 bis 15 % Ballaststoffen · 5 bis 8 % Fett · 3 bis 5 % Mineralstoffen
Hinzu kommen unter anderem Eisen und verschiedene B-Vitamine. Das Protein enthält alle neun essenziellen Aminosäuren.
Eine 2026 im Fachjournal Food Research International veröffentlichte Untersuchung bestätigt die Unternehmensangaben grundsätzlich. Demnach erfüllte Solein die von der FAO definierten Anforderungen an die essenziellen Aminosäuren für Erwachsene. Der Eiweißgehalt lag auf einem ähnlichen Niveau wie bei dem ebenfalls untersuchten Erbsenproteinisolat.
Zu beachten ist allerdings eine Einschränkung, die bei neuen Proteinquellen schnell untergeht: Proteinmenge und Proteinqualität sind natürlich nicht das gleiche.
Bei der Laboruntersuchung lag die gemessene In-vitro-Verdaulichkeit von Solein in einer nicht fermentierten Emulsion bei etwa 64 bis 68 Prozent und damit deutlich unter der des untersuchten Erbsenproteins. Als mögliche Ursache nennen die Forschenden unter anderem die Zellwände der mikrobiellen Biomasse, die Verdauungsenzymen den Zugang erschweren können.
Das sind keine Daten aus einer Ernährungsstudie am Menschen und somit noch kein endgültiges Urteil über die Proteinqualität. Sie zeigen aber, dass bei Solein neben Aminosäuren und Proteingehalt künftig auch die tatsächliche Bioverfügbarkeit genauer untersucht werden sollte.
Warum diese Art der Proteinproduktion so spannend ist
Die größte Innovation steckt weniger darin, dass Solein eine weitere vegane Eiweißquelle ist. Beeindruckender ist die weitgehende Entkopplung der Lebensmittelproduktion von Landwirtschaft und Photosynthese.
Ein Fermenter benötigt keine fruchtbare Ackerfläche und keine monatelange Wachstumsperiode. Er kann grundsätzlich ganzjährig betrieben werden. Dürre, Frost oder Starkregen wirken sich auf die Produktion nicht direkt aus.
Gerade mit Blick auf Klimawandel, Flächenkonkurrenz und eine wachsende Proteinnachfrage ist das ein vielversprechender Ansatz.
Wie nachhaltig ist Protein aus CO₂?
Bei der Umweltbilanz wird es besonders interessant. Eine peer-reviewte Lebenszyklusanalyse von 2021 untersuchte mikrobielles Protein aus wasserstoffoxidierenden Bakterien anhand realer Prozessdaten aus einer damaligen Produktion im kleinen Maßstab.
Im Vergleich mit tierischen Proteinquellen ergaben die Modellierungen je nach Produkt und Energiequelle 53 bis 100 Prozent geringere Umweltwirkungen. Gegenüber pflanzlichen Eiweißquellen zeigte das Verfahren insbesondere Vorteile beim Flächenbedarf, Wasserverbrauch und Eutrophierungspotenzial.
Allerdings sollte man diese Zahlen nicht mit einem aktuellen, verifizierten Umweltfußabdruck der heutigen Solein-Fabrik gleichsetzen. Die Untersuchung basiert auf einer früheren Produktionsstufe und modelliert verschiedene Energieszenarien.
Und genau dabei zeigt sich der wichtigste Punkt.
Strom ist der Schlüssel zur Umweltbilanz
Pflanzen beziehen einen großen Teil der für ihr Wachstum nötigen Energie direkt von der Sonne. Bei Solein wird ein Teil dieser Funktion technisch ersetzt.
Vor allem die Herstellung von Wasserstoff durch Elektrolyse benötigt Strom. Die Herkunft dieses Stroms entscheidet deshalb maßgeblich darüber, wie klimafreundlich das Protein tatsächlich ist.
In der genannten Lebenszyklusanalyse sank das Treibhauspotenzial der mikrobiellen Proteinproduktion bei Verwendung von Wasserkraft gegenüber dem durchschnittlichen finnischen Strommix um 87,5 Prozent. Gegenüber pflanzlichen Proteinen war das Treibhauspotenzial nur bei Nutzung emissionsarmer Energie eindeutig niedriger.
Auch das verwendete Kohlendioxid macht Solein nicht zu einer dauerhaften CO₂-Senke. Der Kohlenstoff landet zunächst in der Biomasse und damit im Lebensmittel, wird beim Verstoffwechseln aber wieder Teil des Kohlenstoffkreislaufs. Der ökologische Vorteil liegt daher vor allem darin, ressourcenintensive Proteinquellen ersetzen zu können.
Von riesigen Fermentern bis zum fertigen Lebensmittel
Solar Foods eröffnete Factory 01 im finnischen Vantaa 2024. Herzstück der Anlage ist ein Fermenter mit einem Volumen von 20.000 Litern. Die Anlage ist für eine Solein-Produktion von bis zu 160 Tonnen pro Jahr ausgelegt.
Das klingt gegenüber der globalen Produktion von Soja, Milch oder Fleisch noch winzig. Für eine völlig neue Fermentationstechnologie ist aber entscheidend, dass Solar Foods den Prozess bereits vom Pilotmaßstab auf einen wesentlich größeren kontinuierlichen Produktionsprozess übertragen konnte.
Der nächste Schritt soll nun zeigen, ob eine weitere Skalierung in großem Maßstab möglich ist.
Solein steckt bereits in Lebensmitteln
→ Singapur erteilte 2022 als erstes Land eine Zulassung für das neuartige Lebensmittel. Danach tauchte Solein unter anderem in Eiscreme und einem gemeinsam mit Fazer entwickelten Schokoriegel auf. Letzterer enthielt zwei Prozent Solein. Auch der japanische Lebensmittelkonzern Ajinomoto hat bereits verschiedene Produkte mit dem Protein entwickelt.
→ Juni 2026: In den USA brachte die Sporternährungsmarke Planta von Ambrosia Collective ein Proteinpulver mit Solein zunächst im Testmarketing auf den Markt. Eine Portion enthält laut Hersteller 20 Gramm Eiweiß. Ein landesweiter Roll-out war anschließend für den Sommer vorgesehen.
Gerade Proteinpulver sind für den Markteinstieg ein vielversprechendes Produkt. Verbraucher kennen in diesem Segment bereits Erbsen-, Reis-, Soja- oder Molkenproteine, hohe Proteinanteile sind erwünscht und ein neuartiger Rohstoff lässt sich relativ unkompliziert integrieren.
Erfolgsentscheidend(er) wird es voraussichtlich, wenn solche mikrobiellen Proteine in alltäglichen Lebensmitteln auftauchen.
Solein besitzt dafür einen wichtigen Vorzug: Sein Eigengeschmack ist relativ mild. So kann das Pulver unkompliziert in unterschiedlichste Rezepturen integriert werden, beispielsweise in Drinks, Snacks, Backwaren, Milchalternativen oder Fleischalternativen.
Ist Solein sicher?
Neue Mikroorganismen im Essen klingen erklärungsbedürftiger als Erbsen oder Soja. Entsprechend wichtig ist die Sicherheitsbewertung.
In einer 2024 veröffentlichten 90-Tage-Toxizitätsstudie erhielten Ratten unterschiedliche Mengen des Solein-Ausgangsmaterials. Bis zur höchsten untersuchten Dosis von täglich 1.500 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht fanden die Forschenden keine behandlungsbedingten schädlichen Effekte.
Auch im europäischen Novel-Food-Dossier sind unter anderem Untersuchungen zur Genotoxizität und zur Charakterisierung des verwendeten Bakterienstamms enthalten.
Kann man Solein in Deutschland kaufen?
Nein, derzeit noch nicht.
Solein gilt in der EU als Novel Food und muss vor seiner Vermarktung das entsprechende Zulassungsverfahren durchlaufen. Der Antrag von Solar Foods betrifft ein proteinreiches Pulver aus inaktivierter Biomasse des nicht gentechnisch veränderten Bakteriums Xanthobacter sp. SoF1. Die Prüfung läuft weiterhin.
Anfang Juli 2026 beschäftigte sich das zuständige EFSA-Gremium zuletzt mit der Einreichung. Aus dem Sitzungsprotokoll geht hervor, dass die Behörde zu diesem Zeitpunkt auf weitere Informationen von Solar Foods warte. Eine EU-Zulassung liegt damit Stand August 2026 noch nicht vor.
Auch beim US-Status lohnt sich eine genaue Formulierung. Solar Foods erhielt 2024 zunächst einen sogenannten self-affirmed GRAS-Status auf Basis einer unabhängigen Sicherheitsbewertung und konnte damit die Vermarktung in den USA beginnen. Zusätzlich reichte das Unternehmen 2025 eine freiwillige GRAS-Mitteilung bei der FDA ein. Laut Solar Foods‘ Halbjahresbericht vom August 2026 wird weiterhin an einem „No Questions Letter“ der FDA gearbeitet.
Factory 02 soll Solein in den industriellen Maßstab bringen
… Und damit zurück zur aktuellen Nachricht.
Die neue Fabrik im finnischen Lappeenranta soll Ende 2028 zunächst 3.200 Tonnen Solein pro Jahr produzieren. Später ist eine schrittweise Verdopplung auf 6.400 und schließlich 12.800 Tonnen jährlich bis 2030 geplant.
Im März 2026 ging das Projekt in die letzte Designphase vor der endgültigen Investitionsentscheidung. Für diese nächste Skalierungsstufe hat Solar Foods inzwischen erhebliche finanzielle Mittel mobilisiert: Anfang 2026 kamen rund 25 Mio. Euro Eigenkapital hinzu, im Juni bewilligte Business Finland weitere 77,8 Mio. Euro, davon 39,6 Mio. als Zuschuss und 38,1 Mio. als Forschungs- und Entwicklungsdarlehen. Die öffentlichen Mittel sind unter anderem an die endgültige Investitionsentscheidung und die Sicherung der Gesamtfinanzierung geknüpft.
Genau deshalb ist die aktuelle Finanzierung nicht einfach eine klassische Unternehmensmeldung.
Bei Solein geht es nicht mehr nur darum, ob sich Protein aus CO₂ und Wasserstoff technisch herstellen lässt. Diese Frage ist weitgehend beantwortet. Jetzt geht es darum, ob die Technologie günstig, energieeffizient und in ausreichend großen Mengen produziert werden kann, um mit etablierten Proteinquellen tatsächlich zu konkurrieren.
Sollte das gelingen, könnte Solein zu einer neuen Kategorie zwischen Landwirtschaft und Lebensmitteltechnologie werden – ein Protein, das weder auf dem Feld noch im Tier wächst, sondern mithilfe von Mikroorganismen im Fermenter.
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