Pilzleder aus dem Bioreaktor | So könnte das biobasierte Material skalierbar werden

Pilze statt Tierhaut oder erdölbasiertem Kunststoff.

Lederalternativen aus Myzel gehören zu den innovativsten Biomaterialien der Modebranche und kommen bereits in kleinen Kollektionen vor. Die Herausforderung nun: Wie produziert man gleichmäßiges, belastbares Myzel-Material schnell genug und in großen Mengen?

Forscher des finnischen VTT Technical Research Centre haben dafür einen cleveren Ansatz entwickelt: Sie lassen den Pilz nicht langsam als fertige Matte wachsen, sondern produzieren seine faserige Biomasse in Flüssigbioreaktoren und formen sie anschließend ähnlich wie Papier zu Vliesbahnen.

Die zugrunde liegende Studie erschien im Juni 2026 in ACS Applied Bio Materials. Am 25. August rückte die Technologie erneut in den Fokus, weil genau dieser Prozess einen der größten Engpässe kommerzieller Myzel-Materialien adressiert den Durchsatz.

Was ist eigentlich Pilzleder?

Das ist Pilzleder, kurz erklärt.

Die Bezeichnung „Pilzleder“ bezeichnet keinen eindeutig definierten Werkstoff.

Meist basiert das Material auf Myzel, also dem feinen Geflecht aus Pilzfäden, den sogenannten Hyphen. Es ist gewissermaßen der überwiegend unsichtbare vegetative Teil eines Pilzes, während der klassische Pilz mit Hut nur dessen Fruchtkörper ist.

Die verzweigten Hyphen können unter kontrollierten Bedingungen dichte Netzwerke bilden. Nach Wachstum, Verdichtung, Trocknung und weiteren Verarbeitungsschritten entstehen daraus flexible flächige Materialien.

In der Mode werden allerdings auch Werkstoffe als Pilzleder bezeichnet, die beispielsweise aus Resten der Pilzzucht oder Pilzfruchtkörpern hergestellt werden. Das ist nicht dasselbe wie ein direkt aus einem Myzelgeflecht gewachsenes Material.

Eine aktuelle wissenschaftliche Übersicht beschreibt Myzelmaterialien als vielversprechend, nennt aber zugleich die aktuellen Herausforderungen: mechanische Belastbarkeit, Wasserbeständigkeit, Haltbarkeit, reproduzierbare Qualität und Skalierung.

Warum sich Pilzleder bisher nur schwer skalieren lässt

Pilzleder zu skalieren ist eine große Herausforderung.

Klassische Myzelverfahren funktionieren häufig so: Pilze wachsen auf einem nährstoffreichen festen Substrat. Ihre Hyphen durchziehen dieses Material und bilden mit der Zeit ein dichtes Geflecht. Daraus lässt sich eine zusammenhängende Matte gewinnen und weiterverarbeiten.

Biologisch elegant, industriell aber nicht ideal.

Drei Punkte bremsen die Skalierung:

Zeit | Eine Fläche muss zunächst wachsen.

Fläche | Größe und Form hängen unmittelbar vom Kultivierungssystem ab.

Gleichmäßigkeit | Temperatur, Sauerstoff, Nährstoffe und Wachstumsbedingungen beeinflussen das Material. Für industrielle Mode braucht man aber möglichst reproduzierbare Eigenschaften.

Genau hier setzt VTT an.

VTT trennt Pilzwachstum + Materialherstellung voneinander

Fünf Schritte zur Pilzfaservlies-Produktion
Die finnischen Forscher verwenden den Fadenpilz Trichoderma reesei. Dieser ist in der industriellen Biotechnologie keineswegs exotisch und wird seit Jahrzehnten unter anderem als Produktionsorganismus für Cellulase-Enzyme erforscht und eingesetzt.

Beim neuen Materialverfahren wächst der Pilz submers, also vollständig in einer Nährflüssigkeit.

Das Prinzip:

1. Fermentieren
T. reesei wächst in Tanks und bildet große Mengen faseriger Biomasse.

2. Ernten
Die Pilzbiomasse wird von der Flüssigkeit getrennt.

3. Aufbereiten
Das faserartige Material wird mechanisch vorbehandelt und je nach Rezeptur ergänzt.

4. Fläche bilden
Aus der Suspension entsteht ein zusammenhängendes Vlies.

5. Kontinuierlich produzieren
VTT demonstrierte schließlich ein Roll-to-Roll-Konzept im Metermaßstab.

Der entscheidende Vorteil dabei ist, dass der Pilz nicht mehr direkt in der Form des späteren Materials wachsen muss.

Warum Flüssigfermentation so vielversprechend ist

Das neuartige Pilzleder ist eher wie Vliesstoff aufgebaut.

Der große Vorteil liegt in der Skalierbarkeit. Fermentationstanks lassen sich kontrolliert betreiben und vergrößern. Sauerstoffversorgung, Temperatur, pH-Wert und Nährstoffzufuhr können gezielt gesteuert werden, während die Pilzbiomasse unabhängig von der später gewünschten Materialfläche entsteht.

Aus dieser Biomasse lassen sich anschließend kontinuierlich unterschiedlich breite und lange Vliesbahnen herstellen. Das unterscheidet den Ansatz grundlegend von Verfahren, bei denen das Myzel bereits in der endgültigen Form und Größe des späteren Materials wachsen muss.

Das Ergebnis ist dabei kein direkt gewachsenes „Leder“, sondern ein aus Pilzfasern aufgebauter Vliesstoff. VTT bezeichnet das Material deshalb wissenschaftlich präziser als mycelium-based nonwoven fabric, also als myzelbasierten Vliesstoff.

Wie stabil ist Pilzleder?

Wie stabil ist Pilzleder?

Die Forscher verstärkten das Pilzmaterial unter anderem mit nanofibrillierter Cellulose. Sie besteht aus extrem feinen Cellulosefasern, die innerhalb des Materials ein zusätzliches Netzwerk bilden.

Zusammen mit Weichmachern erreichten unterschiedliche Rezepturen:

Zugfestigkeit | 11 bis 19 MPa
Bruchdehnung | 9 bis 10 %

Die exakten Werte hingen davon ab, wie das Myzel zuvor behandelt worden war. Als praktischen Demonstrator fertigte das Team außerdem eine Handtasche aus dem Material.

Damit ist gezeigt, dass sich der Vliesstoff grundsätzlich zu einem konkreten Produkt verarbeiten lässt. Für den Alltagseinsatz fehlen aber noch wichtige Langzeitdaten. Bei Schuhen und Taschen kommt es nicht nur auf Zugfestigkeit an, sondern auch auf Abrieb, häufiges Knicken, Feuchtigkeit, Oberflächenbeständigkeit und Alterung.

Wie stark sich diese Eigenschaften noch gezielt verbessern lassen, zeigt eine weitere Studie von 2026: Bei einem anderen pilzbasierten Material erhöhte eine spezielle Nachbehandlung beispielsweise die Wasserabweisung deutlich.

VTT-Pilzleder ist biologisch abbaubar

Das Pilzleder des VTT ist biologisch abbaubar

In den VTT-Versuchen bauten sich die untersuchten Materialien in einer aquatischen Testumgebung innerhalb von 28 Tagen biologisch ab. Unter industriellen Kompostierungsbedingungen zerfielen sie innerhalb von etwa anderthalb Monaten ebenfalls schnell.

Aber auch hier gilt: Das bezieht sich auf die konkreten Versuchsmaterialien.

Ein fertiger Schuh beispielsweise besteht zusätzlich aus Sohlen, Klebstoffen, Garnen, Beschichtungen, Futter und weiteren Komponenten. „Myzel biologisch abbaubar“ bedeutet deshalb nicht automatisch „kompostierbarer Sneaker“. Diese Unterscheidung ist bei Biomaterialien grundsätzlich wichtig.

Schuhe aus veganem Pilzleder kaufen

Schuhe aus veganem Pilzleder kaufen

Während VTT an der nächsten Produktionsgeneration arbeitet, können wir Produkte aus pilzbasierten Lederalternativen bereits kaufen.

Nicht jedes sogenannte Mushroom-Material besteht dabei aus Myzel. Manche Hersteller verwenden Pilzreste oder andere Bestandteile aus der Pilzzucht. Technologisch sind das unterschiedliche Ansätze mit demselben Ziel weniger Tierleder und möglichst weniger fossile Kunststoffe.

Nachstehend stellen wir dir jeweils 3 Sneaker und Pumps aus pilzbasiertem Material vor. Alle Modelle sind vegan und beim Online-Shop GIVE A DAMN* erhältlich.

3 vegane Sneaker mit pilzbasierten Materialien

1. MoEa Origin Weiß/Blau Mushroom

MoEa Origin Weiß/Blau Mushroom

Der chunky Retro-Sneaker* kombiniert Weiß mit blauen Akzenten und einer dicken, etwa 4,5 Zentimeter hohen Sohle. Beim Obermaterial nennt MoEa Maisfaser und Pilzmaterial, hinzu kommen die Sohle mit 20 Prozent recyceltem Gummi, recyceltes Polyester im Futter und Baumwollschnürsenkel. Produziert wird das Modell in Porto.


2. MoEa Veyron Low Forest + Brown Mushroom

MoEa Veyron Low Forest & Brown Mushroom

Etwas cleaner und flacher kommt der Veyron Low* daher. Besonders schön ist die erdige Kombination aus Waldgrün und Braun. Die Außensohle ist rund 3,5 Zentimeter hoch, die Einlegesohle herausnehmbar.

Spannend ist die Materialmischung: Beim grünen Bereich nennt MoEa Viskose und Lyocell, Naturkautschuk sowie strukturelle Bestandteile einschließlich Pilzmaterial. Die braunen Elemente bestehen aus wasserbasiertem PU und PET.


3. MoEa Flow Cremefarben

MoEa Flow Cremefarben

Minimalistischer, heller und schön unkompliziert: Der cremefarbene Flow* kombiniert pflanzenbasierte Komponenten mit recyceltem PET.

MoEa verwendet bei seiner MushroomSkin-Technologie Reststoffe aus der Pilzzucht. Diese werden mit Naturkautschuk verarbeitet und auf eine Basis aus Lyocell und Viskose aufgebracht.

Laut Hersteller besteht MushroomSkin aus 64 Prozent Lyocell/Viskose, 19 Prozent Naturkautschuk und 17 Prozent strukturellen Bestandteilen inklusive Pilz.



Vegane Pumps und Sandalen mit Pilzmaterial

1. AGAZI Ivo Schwarz + Karamell

AGAZI Ivo Schwarz + Karamell

Eine ziemlich elegante Antwort auf die Vorstellung, Biomaterialien gehörten nur an Öko-Sneaker: Die Ivo Pumps* kombinieren Schwarz und Karamell, auffällige Ausschnitte und einen 8 Zentimeter hohen Absatz.

Beim Obermaterial kombiniert AGAZI unterschiedliche pflanzliche Lederalternativen und nennt ausdrücklich Pilzleder sowie Materialien aus Mais und Weizen.


2. AGAZI Ivo Midi Rot

AGAZI Ivo Midi Rot

Wer Pilzmaterial lieber als Statement trägt: Die rote Midi-Version* setzt auf einen niedrigeren 5-Zentimeter-Absatz, die charakteristischen Ausschnitte und Pilzleder als Obermaterial. Das Modell gibt es aktuell in Rot und Schwarz.


3. BIKKOU Golden Hour Meringue-Croco

BIKKOU Golden Hour Meringue-Croco

Noch experimenteller wird es bei BIKKOU mit dem Golden Hour*. Die helle Absatzsandale setzt auf vegane Kroko-Optik und ein Obermaterial aus pilzbasiertem Biomaterial.

Dazu kommen ein dünnes Futter mit Viskose und eine Laufsohle mit 70 Prozent recyceltem Gummi. Der Absatz ist 8 Zentimeter hoch, gefertigt wird in Porto.


Wie geht es weiter mit Pilzleder?

Wie geht es weiter mit Pilzleder?

Verschiedene Unternehmen und Forschungseinrichtungen haben inzwischen bewiesen, dass man aus Pilzleder Sneaker, Pumps, Taschen und andere Modeprodukte herstellen kann.

Die nächste entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr, ob das überhaupt möglich ist, sondern: Kann die Industrie genügend davon in gleichbleibender Qualität und zu konkurrenzfähigen Preisen herstellen?

Genau deshalb ist die VTT-Arbeit so wichtig. Flüssigfermentation verbindet ein biologisches Rohmaterial mit einer Produktionslogik, die sich sehr viel leichter automatisieren und kontinuierlich betreiben lässt.

Dass parallel weltweit an unterschiedlichen Wegen geforscht wird, zeigt, wie dynamisch das Feld gerade ist. 2026 entwickelten Forscher beispielsweise lederähnliches Myzelmaterial auf Basis von Reisstroh, während eine weitere Arbeit Pilzbiomasse auf landwirtschaftlichen Reststoffen kultivierte und gezielt hinsichtlich Festigkeit und Wasserbeständigkeit optimierte.

Was noch fehlt, sind vor allem großtechnische Produktionsdaten, belastbare Kosten, Langzeit-Haltbarkeit und vollständige Ökobilanzen fertiger Produkte.

VTT hat also nicht das perfekte Pilzleder der Zukunft präsentiert, aber möglicherweise etwas mindestens ebenso Wichtiges gezeigt einen realistischen Weg zur Skalierung.


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