Algen statt Erdöl | Stella McCartney druckt Mode mit Algae Black

Schwarzer Print gehört meist zu den unspektakulären Dingen an einem Kleidungsstück. Zumindest optisch. Chemisch sieht das oft anders aus: Für schwarze Druckfarben und Pigmente wird häufig Carbon Black eingesetzt, ein intensiv schwarzer Kohlenstoff, der überwiegend aus fossilen Rohstoffen hergestellt wird.

Stella McCartney zeigt, dass es auch anders geht. Die Designerin setzt für mehrere Kleidungsstücke auf Algae Black von Living Ink. Das schwarze Pigment entsteht aus Resten von Algenbiomasse statt aus Erdöl. Was als Materialexperiment begonnen hat, taucht 2026 ein weiteres Mal in einer Kollektion der britischen Designerin auf.

Warum schwarzer Textildruck überhaupt ein Nachhaltigkeitsthema ist

Warum schwarzer Textildruck überhaupt ein Nachhaltigkeitsthema ist

Carbon Black ist kein klassischer Textilfarbstoff, sondern ein extrem feines schwarzes Pigment. Es steckt nicht nur in Druckfarben, sondern beispielsweise auch in Kunststoffen, Gummi, Beschichtungen und Reifen.

Konventionelles Carbon Black wird typischerweise durch die unvollständige Verbrennung oder thermische Zersetzung fossiler Kohlenwasserstoffe hergestellt. Damit bringt die Farbe gleich zwei grundsätzliche Probleme mit: fossile Rohstoffe und eine energieintensive Herstellung. Die Initiative Fashion for Good bezeichnet Carbon Black deshalb als einen wichtigen Ansatzpunkt, um die Abhängigkeit der Textilindustrie von fossilen Rohstoffen zu verringern.

Beim Thema Gesundheit und Carbon Black sieht es wie folgt aus: Die Internationale Krebsforschungsagentur IARC stuft das erdölbasierte Pigment als „möglicherweise krebserzeugend für Menschen“ ein. Relevant ist dabei insbesondere die Inhalation hoher Staubkonzentrationen am Arbeitsplatz. Daraus lässt sich nicht ableiten, dass das Tragen eines schwarz bedruckten Shirts gesundheitsschädlich wäre.

So wird aus Algenresten schwarzes Pigment

So wird aus Algenresten schwarzes PigmentLiving Ink ersetzt nicht einfach einen schwarzen Pflanzenextrakt, sondern entwickelt ein neuartiges biobasiertes Pigment mit gezielt verbesserten Eigenschaften für industrielle Anwendungen.

Das US-Unternehmen verwendet unter anderem Restbiomasse aus der Algenproduktion, beispielsweise aus der Herstellung von Spirulina-Produkten. Statt diesen Nebenstrom zu entsorgen, wird die Biomasse weiterverarbeitet.

Vereinfacht funktioniert es so:

  1. Algen wachsen und nehmen dabei CO₂ auf.
  2. Nach ihrer ursprünglichen Nutzung bleibt Biomasse übrig.
  3. Diese Biomasse wird thermisch behandelt beziehungsweise pyrolysiert und anschließend gereinigt.
  4. Das entstandene kohlenstoffreiche Material wird sehr fein vermahlen und zum schwarzen Pigment Algae Black verarbeitet.
  5. Zusammen mit bsp. wasser- oder sojabasierten Trägermedien entsteht daraus Algae Ink für Druckanwendungen.

Der entscheidende Unterschied liegt also im Kohlenstoffkreislauf: Statt neuen fossilen Kohlenstoff aus Erdöl in die Produktion zu bringen, wird biogener Kohlenstoff aus einem Reststoff genutzt und in einer relativ stabilen Form gebunden.

Wie klimafreundlich ist Algae Black wirklich?

Living Ink bezeichnet seinen Herstellungsprozess als carbon-negativ. Positiv hervorzuheben ist die Tatsache, dass inzwischen nicht nur eine Eigenangabe dahintersteht.

Das globale Chemieunternehmen ACTEGA verweist für Algae Black auf eine externe Lebenszyklusanalyse. Danach liegt der Netto-Fußabdruck des Pigments innerhalb der untersuchten Systemgrenzen bei −4,16 Kilogramm CO₂-Äquivalenten pro Kilogramm Pigment.

PANGAIA, eine progressive Fashionbrand, nennt auf Basis einer LCA von 2023 sogar eine CO₂-Reduktion von 200 Prozent gegenüber herkömmlichem Carbon Black. Solche Zahlen über 100 Prozent wirken zunächst merkwürdig, sind bei einer carbon-negativen Bilanz aber mathematisch möglich: Der Wert sinkt nicht nur auf null, sondern innerhalb des betrachteten Systems darunter.

Natürlich macht ein Algenprint noch kein komplettes Kleidungsstück carbon-negativ. Pigmente sind nur ein kleiner Teil eines Shirts; Fasern, Verarbeitung, Transport und Nutzungsdauer bleiben für dessen Gesamtbilanz ebenfalls relevant.

Stella McCartney bringt Algae Black in reguläre Kollektionen

Stella McCartney bringt Algae Black in die Serienproduktion

Algae Black tauchte bei Stella McCartney erstmals auf dem „Slippery When Wet“-Look auf. Mittlerweile findet man beispielsweise das „Hardcore“-Tanktop, dessen schwarzer Schriftzug mit Living Ink gedruckt wird, sowie weitere Tops mit Algae-Black-Print.

Auch bei ihrer Winter-Kollektion 2026 führt Stella McCartney Living Ink ausdrücklich als eingesetzte Materialinnovation auf. Damit ist das Algenpigment nicht mehr nur ein einmaliges Showpiece.

Das passt ziemlich gut zur Strategie der Designerin, denn Stella McCartney gehört seit Jahren zu den Luxuslabels, die neue biobasierte und biotechnologische Materialien vergleichsweise früh in reale Kollektionen bringen.

Allein in den vergangenen Jahren experimentierte die Marke unter anderem mit:

Kelsun Faser aus Meeresalgen
VEGEA Alternative zu Leder auf Basis von Reststoffen aus der Weinproduktion
MIRUM pflanzlicher, kunststofffreier Lederersatz
Mylo pilzbasierte Lederalternative
Brewed Protein durch Präzisionsfermentation hergestellte Proteinfaser
FEVVERS pflanzenbasierte Alternative zu Federn

Spannend ist weniger, ob jede einzelne dieser Lösungen später zum Massenmaterial wird. Stella McCartney funktioniert zunehmend wie eine Schnittstelle zwischen Materialforschung und Modeindustrie. So landen neue Materialien nicht nur als Stoffprobe auf einer Messe, sondern werden zu Tasche, Kleid, Top & Co.

PANGAIA, Nike & Co. | Algenfarbe auch bei anderen Modemarken

PANGAIA, Nike & Co. | Algenfarbe auch bei anderen Modemarken
Spiralförmige Spirulina-Mikroalge unter dem Mikroskop.

Auch andere Marken arbeiten bereits mit Living Ink.

PANGAIA verwendet Algae Ink aktuell für seine Hangtags. Dafür wird Algae Black mit einer sojabasierten Druckfarbe kombiniert. Das ist zwar deutlich unspektakulärer als ein ganzes Kleidungsstück, zeigt aber einen wichtigen Vorteil der Technologie: Sie lässt sich in bestehende industrielle Druckprozesse integrieren.

Darüber hinaus geht PANGAIA beim Thema Biotech-Farben mit Colorfix auch noch einen anderen Weg. Colorfix, ebenfalls ein britisches Unternehmen, nutzt für die Herstellung biobasierter Pigmente Mikroorganismen, die direkt in bestehende Färbemaschinen gegeben werden und dort das Textil colorieren.

Bereits 2023 verwendete Nike das Pigment bei einem gemeinsam mit Billie Eilish entwickelten Alpha Force Low. Auch Coach, Patagonia und weitere Unternehmen haben mit Living Ink beziehungsweise dessen Druckfarben experimentiert.

Besonders nerdig wurde es beim Biomaterial-Unternehmen Keel Labs. Ein Demonstrationsshirt bestand zu 70 Prozent aus der aus Meeresalgen gewonnenen Kelsun-Faser und zu 30 Prozent aus Baumwolle. Und das Logo wurde passend dazu mit Algae Ink gedruckt.

Nicht nur Algen | Auch Holzreste können Erdöl-Schwarz ersetzen

Auch Holzreste können Erdöl-Schwarz ersetzen

Living Ink ist außerdem Teil eines größeren Wettlaufs um das nachhaltigste Schwarz.

Das US-Unternehmen Nature Coatings entwickelt mit BioBlack ein schwarzes Pigment aus Holzreststoffen. Die Technologie wurde bereits von Marken und Modeunternehmen wie Levi’s, Kering, Jack & Jones und Selected Homme eingesetzt. 2025 erhielt BioBlack TX zudem eine GOTS-Zulassung für den Einsatz in entsprechend zertifizierten Textilien.

Auch hier wird also ein Reststoff zur biobasierten Alternative für fossiles Carbon Black.

Auf dem Weg zu einer biobasierten Faser in Schwarz

Auf dem Weg zu einer biobasierten Faser in Schwarz

Besonders interessant wird es dort, wo die Pigmente nicht erst auf ein fertiges Shirt gedruckt werden.

Fashion for Good untersucht gemeinsam mit Unternehmen wie BESTSELLER und PVH sowie Innovatoren wie Living Ink und Nature Coatings, ob biobasierte schwarze Pigmente direkt bei der Herstellung von Chemiefasern eingesetzt werden können.

Beim sogenannten Dope Dyeing wird das Pigment bereits in die flüssige Polymermasse gegeben, bevor daraus eine Faser gesponnen wird. Die Farbe steckt anschließend direkt im Material.

Die inzwischen veröffentlichten Pilotversuche sind ziemlich vielversprechend. Bei künstlichen Cellulosefasern und recyceltem Polyester erreichten die alternativen Pigmente hinsichtlich Faserqualität, Zugfestigkeit und Farbechtheit Werte, die mit herkömmlichen Pigmenten vergleichbar waren. Die Pilotphase für recyceltes Polyester lief bis März 2026.

Gelöst ist das Thema damit noch nicht. Besonders kritisch sind Partikelgröße, gleichmäßige Verteilung und Viskosität. Zu grobe Pigmentpartikel können beim Spinnen beispielsweise Düsen verstopfen. Außerdem müssen Produktionsmengen steigen und Kosten sinken, damit aus erfolgreichen Versuchen echte Massenproduktion wird.

Genau darin liegt aber das eigentliche Potenzial: Heute sehen wir Algae Black noch als Schriftzug auf einem Stella-McCartney-Top. Künftig könnten biogene Pigmente schon in der Faser selbst stecken. Und das wäre dann weit mehr als ein grüner Farbtupfer in einer Luxuskollektion.


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